Verein für Kulturaustausch - Kleine musikalische Reise nach Irland (2023)

Irland boomt. Positive Wirtschaftszahlen, ausländische Investitionen, steigende Fremdenverkehrsanteile lassen dieses - allein aufgrund seiner geographsichen Lage - traditionell benachteiligte Land am äußersten Westende Europas immer mehr als positives Beispiel für die Auswirkungen der Politik der europäischen Gemeinschaft gelten. Irland konnte darüber hinaus in den letzten Jahrzehnten sein wirtschaftliches Schattendasein gegenüber Großbritannien immer mehr vergessen machen. Demographisch ist Irland auch heute noch durch eine sehr hohe Geburtenrate geprägt. Das Durchschnittsalter ist eines der niedrigsten in den Ländern der europäischen Gemeinschaft. Obwohl der schulische und universitäre Sektor sehr hoch einzuschätzen ist und damit das Ausbildungsniveau der jungen Iren einem hohen Qualitätsstandard entspricht, ist Emigration und Auswanderung weiterhin ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens der Insel.

Die wirtschaftlichen Erfolge Irlands gehen einher mit einem tiefgreifenden strukturellen Wandlungsprozeß der gesellschaftlichen und sozialen Traditionen. Zwar gibt es seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bedeutende Industriebetriebe im zu Großbritannien gehörenden Norden der Insel, der ehemals fast ausschließlich agrarisch orientierte Süden hingegen wurde erst in den letzten Jahrzehnten durch ausländische Investitionen und darauf folgende Betriebsansiedelungen zu einem "high tech"-orientierten Wirtschaftsstandort. Die alten Agrarstukturen wurden den Erfordernissen der modernen Handelusancen angepaßt.

Dieser Umbruch wird deutlich, wenn man die vierspurig ausgebauten Straßen überall in Irland betrachtet, aber ebenso wenn man vergeblich die noch vor einigen Jahren allgegenwärtigen - für das damalige Irland so typischen - alten Bauerhäuser nur noch selten findet. Und nicht zuletzt: Der Tourismus in Irland wächst und wächst, heute gehört dieser Sektor zu den wichtigsten Einnahmequellen der Insel.

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Die neuen Strukturen spiegeln sich auch in der aktuellen Situation der irischen Folkmusic wider. Altes und Neues, Traditionelles und Avantgardistisches existieren nebeneinander und befruchten einander. Ob nun der oftmalige Erfolg beim Song-contest, die internationalen Erfolge irischer Rockbands wie U 2, oder das zweifelhafte musikalische und optische Vergnügen durch die Kelly-family, diese Vielfalt zeigt doch deutlich, welch musikalische Potenz in dem kleinen Land im Westen Europas steckt. Daß aber auch die zeitgenössische traditionelle irische Folkmusic weltweit äußerst populär ist, zeigen erfolgreiche Konzerttouren von Altan, Dervish oder den Chieftains.Bei all den Erfolgen irischer Musiker wird oft übersehen, daß die traditionelle Musik in Irland nach Erhalt der Unabhängigkeit bzw. dem darauf folgenden Bürgerkrieg in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts fast ausgestorben wäre. Nur eine Handvoll Musiker bewahrte die Tradition. Uillean pipes oder irische Harfe waren in Irland bereits fast exotische Instrumente.

Zum Glück wurde die traditionelle - oft durch starke regionale Eigenheiten geprägte - Musik in den Vereinigten Staaten von ausgewanderten Iren gepflegt. Die dort entstandenen ersten Plattenaufnahmen irischer Fiddlemusic in den späten 20er Jahren insbesondere durch Michael Coleman oder James Morrison gelten noch heute als eine der wichtigsten Quellen für zeitgenössische traditionelle Gruppen. Daß mittlerweile eine Vielzahl von kleinen - meist relativ versteckten - Memorials entstanden ist, zeigt, welch große Bedeutung diesen alten Musikern zukommt.

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Diese Rückspiegelung aus Übersee bzw. Transformation von Volksmusik in Irland war der Beginn der zeitgenössischen traditionellen Folkmusic. Waren bis vor dreißig Jahren Solisten bzw. unisono spielende irische Céilí-Bands als Begleitmusiker für die traditionellen Set-dancings oder das battering (eine Art von Step-Tanz) typisch, so änderte sich erst zu Beginn der 6Oer-Jahre durch den Einfluß von Seán O Riada zusammen mit der Formation Ceoltóiri Chualann die Präsentationsform. Neue Arrangements und Stilelemente sowie eine moderne Präsentation beeinflußten die traditonelle Musik grundlegend. Bekannte Gruppen wie Chieftains, Bothy Band, De Danann, Planxty, Clannad, Stockton`s Wing bzw. heute Altan und Dervish setz(t)en diesen eigeschlagenen Weg fort.Eine weitere wichtige Änderung stellt jene Tatsache dar, daß noch vor dreißig Jahren das Musizieren in Pubs unüblich - zum Teil sogar verboten - war. Heute sind die "Singing Pubs" ein, wenn nicht sogar das wichtigste, Podium für traditionelle irische Musik.

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Irland konnte somit - im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten - Teile der alten überlieferten traditionellen Kultur, wenn auch in transformierter Weise, erhalten. Vor allem in den gälischsprachigen Gebieten der Westküste, der Gaeltacht, konnten darüber hinaus abseits der Vermarktung durch Tonträger aber auch abseits der Tourismuswellen Reste der originalen traditionellen Volksmusik im kleinen überleben. Außerhalb der Gaeltacht jedoch interessiert diese traditionelle Musik nur eine Minderheit. So nimmt das kommerziell ausgerichtete Angbot - nicht zuletzt für Touristen - von Jahr zu Jahr zu. Typisch dafür der Werbespruch eines Pubs: "Good food, good drinks, good music."Ein Grund für die Präsenz dieser originären Musik ist die Verbreitung über Radio na Gaeltachta, sowie die Arbeit der mächtigen Organisationen Comhaltas Ceoiltórí Éireann und Gael Linn, die dazu beiträgt, eine relativ puristische Ausformung der traditionellen Musik zu erhalten. Die Beteiligung junger Menschen an der Fleadh Cheoil na hEireann (dem größten irischen Musikfest mit Wettbewerben in den verschiedensten Instrumentenklassen bzw. Tänzen aber auch zwangloser Musik auf Straßen und in Pubs), wo jedes Jahr hunderttausend Menschen zusammenkommen, läßt die Bemühungen dieser Organsiationen als erfolgreich beurteilen.

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Obwohl Irland wie kaum ein anderes Land auf eine Fülle von großartigen Musikern verweisen kann, sind die Möglichkeiten für Auftritte im eigenen Land nur spärlich vorhanden. Zwar gibt es große Veranstaltungsstätten wie "The Point" in Dublin, aber nur wenige schaffen es, dort auftreten zu dürfen. Da muß man schon Mary Black oder Christie Moore heißen. Auf der anderen Seite lebt die traditionelle irische Musik vor allem in den vielen Pubs und Clubs. Zwar gibt es meist keine oder nur eine geringe Gage, oft sind nur die Getränke frei, und es gibt keine Garantie, daß die anwesenden Gäste wirklich zuhören. Der große Vorteil besteht jedoch in der Möglichkeit, mit Musikern aus ganz Irland zusammenzutreffen und Sessions zu spielen. Hier erfüllt sich eine Voraussetzung für echte "Volksmusik": die direkte Tradierung ohne Noten oder Tonträger. Letztere sind natürlich aus der modernen traditionellen Musik nicht mehr wegzudenken und sind sicherlich mitverantwortlich für das hohe Niveau irischer Musiker.

West Kerry und die Blaskets

Beginnen wir nun einen kleinen Streifzug durch irische Pubs und Clubs entlang der Westküste Irlands, wobei weder Vollständigkeit noch Repräsentativität erreicht werden kann.Nicht weit vom Zentrum des irischen Fremdenverkehrs, dem Ring of Kerry, befindet sich die Dingle-Halbinsel. Vorgelagert die Blaskets - eine Inselgruppe, deren Bevölkerung in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts endgültig abgesiedelt wurde. Die Blaskets sind vor allem aufgrund der literarischen Werke von Tomás und Seán O'Crohan oder Maurice O'Sullivan bzw. Peig Sayers bekannt geworden. Diese Schriftsteller dokumentierten in der alten gälischen Sprache die Eigenheiten und Abgeschiedenheit des Insellebens. Noch heute gelten diese Bücher als Standards im Gälisch-Unterricht an irischen Schulen und sind dementsprechend bei den Iren oft recht gefürchtet. Auf der anderen Seite brachten die Blaskets auch bekannte Musiker hervor, die wie Muiris Ó Dálaigh oder Seáinín Mhicil Ó Súilleabháin (Sean Michael O'Sullivan) einen entscheidenden Einfluß auf die Musik von West Kerry ausübten. Feargal Mac Amhlaoibh hält mit seiner Familie und befreundeten Musikern - wie den Piper Con Durham - im örtlichen Pub von Dunquin an dieser Tradition fest. Die typischen Slides und Polkas habe ich kaum authentischer gehört als an diesem abgeschiedenen Platz im äußersten Südwesten Irlands. Das ebenso geniale wie erfolgreiche Duo Séamus Begley und Stephen Cooney sind gerade dabei, bei unzähligen Festivals auf den britischen Inseln die Musik aus Kerry wieder einer größeren Zuhörerschaft vertraut zu machen

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Galway

Galway hat in den letzten Jahren einen unheimlichen Wachstumsschub erlebt. Wie kaum eine andere Stadt Irlands (mit Ausnahme von Letterkenny in Donegal) entwickelte sich Galway zu einer kleinen Metropole im Westen Irlands. Unzählige Pubs locken vor allem im Sommer mit angekündigter Livemusik die unzähligen Touristen. Doch Quantität ist nicht gleich Qualität. Als Nummer 1 der Musiklokale gilt bereits seit Jahren das Roisin Dubh. Mit etwas Glück kann man dort die Mitglieder der Keane-Familie oder Sharon Shannon treffen. Die Wände sind mit jenen MusikerInnen zugepflastert, die bereits im Roisin Dubh spielten - und das sind sehr, sehr viele.

County Mayo

Weiter im Norden liegt Westport, nahe dem Croagh Patrick, jenem Wahlfahrtsberg, der am letzten Juliwochenende regelmäßig von einigen zehntausend Pilgern gestürmt wird. Nach der erschöpfenden Tour besteht die Möglichkeit bei den örtlichen Pubs sowohl Guinness als auch gute Musik zu genießen. Am bekanntesten ist wohl das Pub von Mat Molloy, einem der besten irischen Flötisten (Mitglied bei den Chieftains beziehungsweise früher bei der Bothy Band und Planxty). Außerhalb der Saison ein Pub wie jedes andere, befindet es sich allerdings während der Sommermonate fest in den Händen der "I was in Doolins" (so werden unsere westlichen Nachbarn von den Iren leicht ironisch gerne genannt). Dafür kann man im Sommer in Hobans Pub auch einige Iren treffen und die Sessions sind manchmal durchaus hörenswert, während "The Towers" vor allem die Balladenliebhaber (im Sinne der Dubliner) zufriedenstellen dürfte.Nicht weit von Castlebar etwas abseits gelegen, der kleine Ort Kilkelly. Mick Moloney, Jimmy Keane und Robbie O'Connell haben ihn durch eines der bedrückensten Auswandererlied bekannt gemacht. 130 Jahre nachdem sein Urgroßvater Kilkelly Richtung Amerika verlassen hatte, fand Peter Jones in einem Briefbündel den Schriftverkehr seines Urgroßvater mit dessen Vater, der in Irland zurückgeblieben war. In diesen Briefen wurde über Famileinneuigkeiten, Geburten, Todesfälle, Verkäufe von Grundstücken und Mißernten berichtet. Immer wieder wurde ausgedrückt, wie sehr man den Sohn vermissen würde. Der letzte Brief berichtet vom Tod des Vaters, damit war auch der letzte Kontakt zur alten Heimat gerissen.Auf Achill-Island - früher ebenfalls durch Abwanderung und Auswanderung schwer betroffen - ist heute eine blühende Tourismusgegend. In der Village Lounge von Keel kann man hin und wieder örtliche MusikerInnen und TänzerInnen in der traditionellen reich ornamentierten Kleidung erleben.Zurück nach Castlebar, der Hauptstadt von Mayo. Mary Black hat ihre Karriere mit der Gruppe General Humbert - der Name kommt von derem Stamm-Pub im Zentrum von Castlebar - begonnen. Das Lokal existiert noch heute und es gibt noch immer viel Musik (neben Folk vor allem viel Jazz).Genau an der Grenze zum County Sligo befindet sich an der Mündung des River Moy Ballina. In diesem Ort findet zwischen 22. und 24. August 1997 die diesjährige Fleadh Cheoil na hEireann (mit den All-Ireland-Championship-Bewerben in den unterschiedlichsten Musik- und Tanzklassen sowie unzähligen Sessions) statt. Man kann gespannt sein, wie dieser Ort den Ansturm von hunderttausend Menschen bewältigen wird. Aber bisher haben das noch alle Orte geschafft.

County Sligo

Am Beginn der 90er Jahre wurde die Stadt Sligo dreimal mit der Ausrichtung der Fleadh betraut. Das war nicht weiter verwunderlich, ist doch Sligo wie kaum ein anderes County in Irland eng mit der musikalischen Tradition verbunden. Besonders der Fiddlestil eines Michael Coleman, eines Fred Finn oder James Morrison prägt noch heutige Musiker. Von 27. August bis 1. September 1997 findet heuer wieder in Gurteen das Caleman Country Traditional Festival statt.In Sligo findet man das ganze Jahr hindurch relativ leicht traditionelle Sessions. So treffen in "Shoot the crows" sich in erster Linie die Mitglieder von Dervish mit anderen Musikern zu Sessions. Bei meinem letzten Aufenthalt traf ich in diesem Pub die nordirische Gruppe Déanta, ein ausgezeichnetes Ensemble, das den internationalen Durchbruch leider noch nicht schaffen konnte.Da derzeit die Sperrstunden in Sligo recht genau eingehalten werden, sind Alternativen gefragt. So bietet der Trades Club gleich neben dem "Shoots" die halblegale Möglichkeit noch länger Guinness und Whiskey zu konsumieren. Hin und wieder gibt es auch illuminierte Sessions.Wie schwierig die offizielle Konzertszene im Bereich der traditionellen Musik in Irland ist, wurde bei einem Auftritt des großartigen Duos Máire Ní Chathasaigh und Chris Newman im Modern Arts Center von Sligo deutlich. Kaum 20 zahlende Besucher wohnten einem Konzert der absoluten Spitzenklasse bei. Das Sprichwort "Der Prophet gilt im eigenen Land nicht viel" stimmt offensichtlich auch in Irland..An der Küste liegt Strandhill, das heute eher durch mysteriöse Krebsfälle in den Mittelpunkt des Interesses gekommen ist. Allerdings steht dort das "Venue". Und hier gab es vor vielen Jahren den ersten öffentlichen Auftritt von Planxty. Garleth McTiernan, einer der besten irischen Piper, tritt mit unterschiedlichen Musikern in diesem Club des öfteren auf.

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County Clare

Die Reise nähert sich dem Ende. Bevor wir am Shannon-Airport den Flieger besteigen, wollen wir noch rasch einen kleinen Stop in Ennis, dem Hauptort von County Clare einlegen. Ennis entwicklete sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem Zentrum der irischen traditionellen Musik. So siedelte sich der Fiddler Tommy Peoples vor einiger Zeit in Ennis an. "The Cruises" kann als musikalischer Mittelpunkt von Ennis gelten und umfaßt ein Pub, einen Konzertraum aber auch eine Disco. Im Pub selbst gibt es auch außerhalb der Touristiksaison viel Livemusik. Es spielen gute Musiker aus ganz Irland. Wenn dann im Publikum ein Hurlingteam aus Rosslare auf eine Betriebsveranstaltung trifft, deren Teilnehmer den Darstelllern des Denver-Clans oder einer Shampoowerbung sehr ähneln und das ganze durch singende Liverpool-Suporters garniert wird, ist leider von der Musik nicht mehr viel zu hören.Im seperaten Konzertraum finden tolle Veranstaltungen statt. Leider hält sich hier das Interesse der Iren in Grenzen. So spielte die Button Accordeon-Virtuosin Josephine Marsh mit ihrer Gruppe einen beeindruckenden Gig. Für mich ein heißer Tip für das nächstjährige Folkfestival in Gutenbrunn, der den Abschied am nächsten Morgen etwas leichter machte.

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Author: Barbera Armstrong

Last Updated: 11/30/2022

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